Unsere Website ist nicht für deine Browserversion optimiert.

Seite trotzdem ansehen

Maya Bally: 1. August-Rede in Hirschthal

1. August 2025

Es ist mir eine grosse Ehre und Freude, darf ich heute zu Ihnen sprechen. Am Nationalfeiertag der Schweiz versammeln wir uns landauf, landab in unterschiedlichsten Gemeinschaften. Viele Häuser und Festplätze sind schön herausgeputzt und wir feiern zusammen unser Land. Die einen freuen sich vor allem auf Feuerwerk, die anderen finden, darauf könnte man gut verzichten und für einige sind die Höhenfeuer der Höhepunkt oder man freut sich ganz einfach auf die Wurst.

Leider feiern wir ein weiteres Jahr den Geburtstag der Schweiz, an dem trotz der grossen Freude die aktuelle Weltenlage kaum verdrängt werden kann, die geprägt ist von Konflikten, Kriegen, Wirtschaftsturbulenzen und der Klimakrise. Die Welt ist unberechenbarer geworden, die Schlagzeilen bereiten Bauchschmerzen und erschwerend kommt hinzu, dass es oftmals schwierig ist zu erkennen, ob es sich um seriöse Informationen oder Falschinformationen handelt.

Viele Menschen fühlen sich dadurch verunsichert, manche haben Angst – Angst vor dem, was kommt, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Verlust des Gewohnten, vor der Veränderung und Angst vor dem Fremden.

Diese Ängste sind nachvollziehbar und verständlich und wir sollten sie hören, ernst nehmen und zu mindern versuchen. Leider werden diese Ängste und ebenso die Verunsicherung teilweise auch gezielt genutzt, um Gräben zu ziehen, Menschen gegeneinander auszuspielen oder auch einfach, um vermeintlich einfache Antworten auf sehr komplexe Fragen zu versprechen, die es aber so nicht geben kann. Auf komplexe Problemstellungen wird es nie einfache Antworten geben, weil es auch nicht nur schwarz und weiss gibt. Es wird eine heile Welt  heraufbeschworen, die es nie gab und auch nicht geben wird.

Angst sollte angegangen, gemindert und nicht geschürt werden, dies mit Verständnis, innerhalb der Gemeinschaft und mit Sachlichkeit. Denn Angst macht blind für Chancen und lähmt, und Gräben zerstören das Fundament unserer Gemeinschaft und unseres Zusammenhalts. Schauen wir doch einfach rund um uns herum über die Landesgrenzen hinaus, es wird uns jeden Tag von neuem vor Augen geführt, wohin Gräben und Polarisierung führen.

Wenn ich Menschen frage, was für sie der 1. August ist, dann erhalte ich so viele verschiedene Antworten wie ich Menschen gefragt habe. Aber es schwingt doch meistens Stolz mit und Dankbarkeit, das Privileg zu haben, in diesem Land zu leben, hier zu Hause zu sein.

Genau aus diesem Grund möchte ich mich heute mit Ihnen auf unsere Werte besinnen, auf die unsere Schweiz gründet und die uns bis heute prägen und uns eben mit Stolz und Dankbarkeit erfüllen. Diese Werte, die uns gerade in den unsicheren Zeiten ein fester Anker und ein Kompass sein und uns Halt und Orientierung geben können. Unsere Werte als Gegenmittel zu Angst und Unsicherheit.

Oftmals ist es das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl, keinen Einfluss zu haben, das die Angst schürt. Wir Schweizer haben jedoch das Privileg unserer Direkten Demokratie. Wir können mitgestalten und nicht nur zuschauen! Ob wir abstimmen, eine Initiative unterschreiben oder an der Gemeindeversammlung diskutieren und entscheiden, ist ein Akt der Selbstwirksamkeit. Dies zeigt uns, dass wir nicht machtlos sind, sondern aktiv mitgestalten und auch mal einen Fehler korrigieren können.

Aber natürlich, unser System fordert uns. Wir müssen uns informieren, zuhören, unterschiedliche Meinungen aushalten und Kompromisse finden. Ja, der leider oftmals verpönte Kompromiss! Aber ohne diesen wird das Zusammenleben äusserst schwierig. Nehmen wir das Beispiel der Paarbeziehung. Wenn da die Fähigkeit fehlt, auch Kompromisse einzugehen, auch zu geben und nicht nur zu nehmen, dann besteht ein massives Ungleichgewicht, das schliesslich zum Scheitern führt oder die eine Person zumindest sehr unzufrieden sein lässt.

Zugegeben, unser System ist anstrengend, aber es ist auch ein Schutz gegen allzu einfache Parolen und Populismus, denn es zwingt uns über den eigenen Tellerrand zu blicken und Verantwortung zu übernehmen.

Die direkte Demokratie ist ein Mittel für die Selbstwirksamkeit und gegen die Ohnmacht. Wir müssen aber auch wollen und dieses Privileg wahrnehmen. Wenn wir uns nicht beteiligen, aber uns beklagen, dann nehmen wir unsere Verantwortung nicht wahr.

Unsere direkte Demokratie wird gestützt durch unsere föderalistischen Strukturen, welche unserer Vielfalt Rechnung trägt und zu zentralistische Lösungen verhindert. In einer komplexen Welt, sind einfache zentralistische Lösungen nicht unbedingt die besten. Die starke Stellung der Gemeinden und Kantone ist ein hoher Schutz gegen generelle Vereinheitlichung. Probleme können dort angegangen werden, wo sie entstehen. Der Föderalismus ermöglicht es, unterschiedliche Wege zu gehen, voneinander zu lernen und Lösungen zu finden, die den lokalen Bedürfnissen entsprechen.

Ebenso lehrt uns das System, dass das Nebeneinander von verschiedenen Traditionen, Sprachen und auch Kulturen unser Land reich und auch widerstandsfähig machen kann. Wir erlauben uns zwar ab und zu über Traditionen in anderen Regionen zu lächeln oder auch mal einen Witz zu machen, als kleines Beispiel nenne ich das Sechseläuten in Zürich. – Ich darf das sagen, weil ich mit dem Böögg und dem Knabenschiessen aufgewachsen bin – Aber zugleich freuen wir uns auch über unsere Verschiedenheiten und akzeptieren diese.

Die grösste Herausforderung in unserem föderalistischen System ist, dass wir eine gute Balance finden müssen, welche Aufgaben auf welcher Ebene gelöst werden sollen, denn schliesslich braucht es schweizweite Gesetze als Rahmenbedingungen für alle, mit einem entsprechenden Spielraum für Kantone und Gemeinden. Zudem können sich Gemeinde und Kantone wie auch Verbände und weitere immer auch bei der Anhörung im Gesetzgebungsprozess einbringen.

Unsere Demokratie ist zwar in föderalistischen Strukturen aufgebaut, wir haben vier Landessprachen und vielfältige Regionen und unterschiedliche Mentalitäten. Zugleich bekennen wir uns zur Einheit und beweisen damit, dass Einheit nicht mit Gleichförmigkeit zu definieren ist. Ich erachte unsere Fähigkeit, uns trotz aller Unterschiede zu einem Ganzen zu bekennen als eine grosse Stärke und sie definiert uns als Schweizerin und Schweizer.

Aber auch dies ist kein Zufall oder ein Geschenk, sondern ebenso mit harter Arbeit verbunden, denn es erfordert einen ständigen Dialog. Es erfordert, dass wir einander zuhören und die Bereitschaft, den anderen verstehen zu wollen. Diese Dialogbereitschaft auf allen Ebenen müssen wir uns erhalten, sie ist essentiell für unser gegenseitiges Verständnis, sie ist essentiell für den Zusammenhalt und gegen die Spaltung. Gerade in den unruhigen Zeiten, in denen Polarisierung droht, mit einfachen Parolen lockt und uns betören und ruhigstellen will, müssen wir uns den Wert des Dialogs hochalten! Nicht die laute Konfrontation, sondern der unaufgeregte Dialog ist der Schweizer Weg, um Gräben zu überwinden und Brücken zu bauen. Die Antwort auf Spaltungstendenzen ist der Wille zur Verständigung und zum gemeinsamen Weg, auch wenn wir uns dafür zusammenraufen müssen.

Mir wurde mitgeteilt, dass Ihr dies in Hirschthal lebt. Man sei hier sachbezogen unterwegs und gehe miteinander offen, transparent und vertrauenswürdig um. Ihr lebt hier in der Gemeinde Hirschthal die Schweizer Dialogbereitschaft und die unaufgeregte sachliche Lösungsfindung. Ihr macht es vor, wie es geht. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund für Eure langjährigen Gemeinderatsmitglieder. Es scheint mir schon ein Indiz zu sein für einen guten gemeinsamen Dialog.

Wenn ich mich auf die Schweizer Werte besinne, auf der unser Land basiert, dann dürfen Solidarität und Verantwortung nicht fehlen. Diese sind der Kern für unsere Gemeinschaft. Die Freiheit, die wir geniessen, ist keine Freiheit von Verantwortung, sondern die Freiheit für die Gestaltung unseres Landes und auch der Fürsorge. Sie bedeutet nicht, nur an sich selbst zu denken, sondern auch an das Gemeinwohl, die Schwächeren und die nächste Generation. Unsere soziale Absicherung, unser Engagement in Vereinen, unsere Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit – all das ist Ausdruck von Solidarität und Verantwortung. Nur gepaart mit Solidarität und Verantwortung, nicht nur für uns selbst, funktioniert unsere Freiheit, unser Leben so zu gestalten wie wir es gerne möchten.

Gerade in einer Welt, in welcher der Egoismus zunimmt und oft belohnt wird, ist es absolut entscheidend, diese soziale Verantwortung zu pflegen, denn sie ist nun mal der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält. Und sie gibt auch Vertrauen, dass wir in schwierigen Zeiten nicht allein gelassen werden und gemeinsam die immensen anstehenden Herausforderungen meistern können.

Solidarität und Verantwortung bilden den Gegenpol zu Egoismus und stärken unsere Gemeinschaft. Und ja, natürlich: Auch dies ist nicht immer ganz leicht und wir müssen uns alle darum bemühen. Es ist nicht einfach, nicht nur an sich zu denken und sich vor Augen zu führen, dass wir alle unseren Beitrag zur Gemeinschaft leisten müssen.

Geschätzte Damen und Herren, der Nationalfeiertag ist immer eine gute Gelegenheit, sich selbst zu fragen, was bedeutet die Schweiz für mich und auch danach, was kann ich dazu beitragen, dass sie auch morgen noch ein Ort der Freiheit, Sicherheit und des Zusammenhalts ist. Denn wie gesagt, unsere direkte Demokratie, unser föderalistisches System das Einheit und Vielfalt verbindet, ist nicht einfach ein Geschenk, sondern ein Privileg und bedeutet Engagement von jedem Einzelnen. Es ist unser Auftrag, die Ängste von Menschen in diesen unsicheren Zeiten ernst zu nehmen und gemeinsam nach einer Antwort und Lösungen zu suchen. Und es ist unser Auftrag, jene zu entlarven, welche die Ängste mit Absicht schüren und so die Menschen instrumentalisieren und spalten wollen. Es ist unser aller Auftrag, die Werte, die uns stark gemacht haben, wieder hochzuhalten, sie aktiv zu leben und an die nächste Generation weiter zu geben!

Geschätzte Hirschthalerinnen und Hirschthaler, helfen Sie mit, das Vertrauen in unsere bewährten Schweizer Werte zu stärken. Direkte Demokratie, Föderalismus, Dialogbereitschaft, Freiheit, Solidarität und Verantwortung. Lassen sie uns die grossen Herausforderungen der Zukunft mit Offenheit, Pragmatismus und dem festen Willen zum Dialog anpacken. Haben Sie den Mut und nehmen Sie Ihre Pflicht wahr, sich einzumischen, Ihre Meinung zu äussern und zu vertreten, aber auch zuzuhören und bereit zu sein, gemeinsam nach den besten Lösungen zu suchen und die Entscheide dann mitzutragen.

 

Die Schweiz soll weiterhin eine Gemeinschaft sein, die vom gemeinsamen Willen zum Zusammenhalt lebt und überzeugt ist, dass wir als Gesellschaft stärker sind, wenn wir aufeinander zugehen und wir Vertrauen ineinander haben, statt Misstrauen zu säen. Und lassen Sie uns diese Offenheit und Dialogbereitschaft auch über unsere Grenzen hinaus leben, denn wir sind als Schweizer Gemeinschaft in eine grössere Gemeinschaft eingebettet, auf die wir als kleines Land in vielfältiger Weise angewiesen sind.

 

In dem Sinne wünsche ich Ihnen einen inspirierenden 1. August in unserer vielfältigen Gemeinschaft. Feiern wir die Erneuerung unseres Bekenntnisses zu unseren Schweizer Werten. Happy Birthday Schweiz! Danke für die Aufmerksamkeit.

Rednerin

Engagiere dich