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1. August Rede von Monika Baumgartner in Leibstadt

1. August 2026

Liebe Leibstadter und Leibstadterinnen

«Heimat ist kein Museum.»

Ein Museum bewahrt Vergangenes auf. Es zeigt uns, wie es einmal gewesen ist. Aber
man darf nichts verändern.
Heimat ist aber genau das Gegenteil. Heimat lebt. Sie verändert sich. Mit jeder
Generation. Mit jeder Familie, die neu dazukommt. Mit jeder Geburt eines Kind. Mit jeder
Idee, die ein Dorf weiterbringt.
Die Frage ist deshalb nicht, ob sich Heimat verändert.
Die Frage ist, ob wir sie gemeinsam gestalten.
Je länger ich mich auf diesen Abend vorbereitet habe, desto mehr wurde mir bewusst:
Eigentlich halte ich heute gar keine Rede über Leibstadt.
Ich rede über etwas, das uns alle verbindet.
Über Heimat.
Und je mehr ich nachgedacht habe, umso mehr hät sich gezeigt, dass mich au ganz
Persönliches mit Leibstadt verbindet.
Als junge Frau habe ich viele Samstagabende in der Disco Ghost verbracht. Mit dem
Töffli sind wir nach Leibstadt gefahren und haben tolle Abende verbracht. Vermutlich
habe ich da schon den einen oder anderen von Ihnen getroffen. Dann gab es auch noch
den Bunker. Dorthin durfte ich aber nicht, dazu hatte meine Mutter eine ganz klare
Meinung. Mehr muss ich wohl nicht sagen.
Dann habe ich als Volleyballerin auch gegen die Leibstadterinnen in der
Mehrzweckhalle gespielt und die eine und andere Party der Seifesüder miterlebt. Sie
sind der Grund, weshalb ich immer weiss, dass im Herbst die Uhren eine Stunde zurück
gedreht warden: Die Seifesüder haben uns beim Zytsprungfest immer eine Stunde
geschenkt.
Heute begegnet mir Leibstadt in meinem Beruf als Gemeindeschreiberin von Mandach,
weil wir mit Leibstadt und Full-Reuenthal dem regionalen Sozialdienst angehören und
deshalb eng und hervorragend zusammenarbeiten.
Und weil Familie bekanntlich überall ihre Spuren hinterlässt, lebt auch ein Cousin von
mir hier. Er engagiert sich mit Herzblut im Feuerwehrverein – stellvertretend für viele
Menschen, die oft im Stillen dafür sorgen, dass ein Dorf funktioniert. Und er ist auch
heute im Einsatz. Bin schon gespannt, was er der kleinen Cousine nach der Rede noch
sagen will.
Aber die eigentliche Rede habe nicht ich geschrieben.
Die eigentlichen Autoren sind Sie Leibstadterinnen und Leibstadter.
Ich habe nämlich ein paar Leibstadterinnen und Leibstadter gefragt:
«Warum fühlen Sie sich hier zuhause? Was macht Leibstadt für Sie besonders?»
Die Antworten haben mich berührt.
Nicht, weil sie spektakulär waren.
Sondern weil sie ehrlich waren.
Jemand erzählte mir, dass schon die Grosseltern im gleichen Haus gelebt haben. Dann
die Eltern. Und heute lebt diese Person zusammen mit dem Sohn und dessen Familie
immer noch unter dem Gleichen Dach.
Da wird plötzlich klar:
Heimat kann man nicht kaufen.
Sie wächst.
Über Jahre.
Über Generationen.
Eine Frau erzählte mir, dass noch nicht lange in Leibstadt wohne. Kaum war sie
angekommen, klopften Vereine an ihre Tür und luden sie ein mitzumachen.
Was für ein schönes Zeichen.
Man wartet hier nicht einfach darauf, dass jemand dazugehört.
Man hilft mit, dass er dazugehören kann.
Ein anderer sagte mit einem Lächeln:
«Ich bin von Mandach nach Leibstadt gezogen. So weit ist das ja gar nicht.»
Da musste ich natürlich schmunzeln.
Und gleichzeitig dachte ich:
Genau so entsteht Verbundenheit.
Nicht an Gemeindegrenzen.
Sondern zwischen Menschen.

Zwischen Menschen entsteht Heimat.
Und genau das habe ich in diesen Antworten immer wieder gespürt.
Niemand hat mir als Erstes vom Kernkraftwerk erzählt.
Niemand von der Gemeinderechnung.
Niemand von der Steuerkraft.
Sie haben mir von Menschen erzählt.
Von Nachbarn.
Von Vereinen.
Von gemeinsamen Festen.
Von Kindern, die sich unbeschwert im Dorf allei bewege chönd.
Von Grosseltern, Eltern und Enkeln, die sich begegnen.
Von einem Dorf, in dem man sich kennt.
Einer schrieb mir:
«Ich arbeite in Leibstadt und ich wohne in Leibstadt. Das spart nicht nur Zeit. Es gibt mir
das Gefühl, zuhause zu sein. Ich kenne die Menschen. Ich begegne ihnen im Alltag. Im
Verein. Beim Einkaufen. Auf der Strasse. Das macht unser Dorf aus.»
Ein anderer sagte:
«Hier kennt man einander noch.»
Was für ein einfacher Satz.
Und was für eine grosse Aussage.
Denn genau das ist Heimat.
Nicht, dass jeder jeden kennt.
Aber dass niemand gleichgültig ist.
Dass man einander grüsst.
Dass man merkt, wenn jemand fehlt.
Dass Hilfe selbstverständlich ist.
Dass Vereine Menschen zusammenbringen.
Dass sich Frauen und Männer bereit erklären, Verantwortung im Gemeinderat zu
übernehmen. Eine Person hat übrigens bestätigt, dass der Gemeinderat und auch die
Gemeinderätinnen einen sehr guten Job machen.
Dass Feuerwehr, Guggemusik, Musikgesellschaft, Sportvereine und viele weitere
Freiwillige ihre Zeit schenken, damit Gemeinschaft überhaupt entstehen kann.
Ihnen allen gilt heute Abend unser Dank.
Sie alle tragen dazu bei, dass Leibstadt mehr ist als eine Ansammlung von Häusern.
Sie machen aus Leibstadt ein Zuhause.
Und trotzdem spüre ich – nicht nur hier, sondern in vielen Dörfern unseres Zurzibiets –,
dass sich man sich Sorgen machen.
Sie fragen sich:
Verlieren wir ein Stück Heimat?
Unsere Dörfer verändern sich.
Es wird gebaut.
Neue Menschen ziehen zu.
Gleichzeitig verschwinden Dinge, die über Jahrzehnte selbstverständlich waren.
Die Bäckerei.
Die Metzgerei.
Den Volg gibt es noch und zum Glück habt ihr noch eine Mühle.
Sie erinnert uns daran, wie eng eine Gemeinde mit ihrer Geschichte verbunden ist.
Aber wenn ein Laden schliesst, verlieren wir nicht einfach ein Geschäft.
Wir verlieren oft auch einen Ort der Begegnung.
Einen Ort, an dem man sich zufällig trifft.
Ein paar Worte wechselt.
Neuigkeiten austauscht.
Gemeinschaft entsteht selten auf grossen Bühnen.
Sie entsteht im Alltag.
Zwischen dem Einkauf und dem Heimweg.
Vor der Haustüre.
Am Gartenhag.
Auf dem Schulweg.
Oder am Rhein, am Nachtigall-Strand.
Der Rhein prägt Leibstadt seit Jahrhunderten.
Er verbindet Landschaften, Dörfer und Menschen.
Er lädt zum Verweilen ein.
Und trotzdem höre ich immer wieder den Satz:
«Jo am Rhein geht das halt nicht. Dafür gibt es keine Bewilligung.»
Vielleicht stimmt das manchmal.
Aber ich wünsche mir, dass wir trotzdem den Mut behalten, Ideen zu entwickeln.
Schauen wir nach Baden.
Dort sind mit der Kajüte oder dem Triebguet wunderbare Begegnungsorte an der
Limmat entstanden.
Nicht, weil alles einfach war.
Sondern weil Menschen eine Idee hatten.
Weil sie bereit waren, Verantwortung zu übernehmen.
Weil sie sich nicht vom ersten Hindernis entmutigen liessen.
Genau diesen Mut wünsche ich mir auch für unsere Dörfer.
Nicht jede Idee wird gelingen.
Aber keine Idee wird gelingen, wenn niemand den ersten Schritt wagt.
Heimat lebt nämlich nicht davon, dass alles bleibt, wie es ist.
Heimat lebt davon, dass Menschen sagen:
«Wir packen es an.»
Dieses Jahr im April war die Surselva Gastgemeinde an der Gewerbeausstellung im
Surbtal.
Die Gäste waren begeistert.
Von unserer Landschaft. Von unseren Dörfern.
Von der Nähe zwischen Rhein, Jura und Rebbergen.
Mich hat das zum Nachdenken gebracht.
Manchmal brauchen wir den Blick von aussen, damit wir wieder erkennen, wie schön
unsere Heimat eigentlich ist.
Vielleicht dürfen auch wir wieder etwas stolzer sein auf das, was wir hier haben.
Nicht überheblich.
Aber dankbar.
Dankbar für unsere Landschaft.
Dankbar für unsere Dörfer.
Vor allem aber dankbar für die Menschen, die sie mit Leben erfüllen.

Liebe Festgemeinde
Darf ich Sie zum Schluss um etwas bitten?
Denken Sie für einen kurzen Moment an den Ort, an dem Sie sich zuhause fühlen.
Vielleicht ist es Ihr Elternhaus oder Wohnhaus
Vielleicht der Rhein.
Vielleicht die Mühle.
Vielleicht das Feuerwehrmagazin.
Vielleicht der Sportplatz.
Vielleicht ein Vereinslokal.
Oder einfach die Bank vor Ihrem Haus.
Und jetzt denken Sie nicht an einen Ort
Denken Sie an die Menschen.
An die Nachbarin, die immer ein offenes Ohr hat.
An den Feuerwehrkameraden, der mitten in der Nacht ausrückt.
An die Vereinskollegin, die jedes Jahr mithilft, damit ein Fest gelingt.
An den Lehrer, der Kinder begleitet.
An die Grosseltern, die Geschichten erzählen.
An die Eltern, die Verantwortung übernehmen.
An die Kinder, die heute lachend über den Festplatz rennen.
Denn wenn wir eines Tages auf unser Leben zurückblicken, werden wir uns nicht an
jedes Haus erinnern.
Nicht an jede Strasse.
Nicht an jede Sitzung.
Nicht an jedes Fest.
Wir werden uns an die Menschen erinnern.
An Menschen, die uns das Gefühl gegeben haben:
«Schön, dass du da bist.»
Vielleicht ist genau das das schönste Geschenk, das wir einander machen können.
Dass wir Menschen das Gefühl geben, willkommen zu sein.
Dass sie dazugehören.
Dass sie gebraucht werden.
Denn Heimat fragt uns nicht, woher wir kommen.
Heimat fragt uns, ob wir bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Ob wir bereit sind, mitzugestalten.
Ob wir bereit sind, füreinander da zu sein.
Vielleicht beginnt Heimat genau dort.
Mit einem freundlichen Gruss.
Mit einer helfenden Hand.
Mit einer Stunde Zeit.
Mit einem Einsatz im Verein.
Mit dem Mut, eine Idee nicht gleich wieder aufzugeben.
Oder einfach mit den Worten:
«Mach mit.»
Denn Heimat ist kein Museum.
Heimat ist ein Versprechen.
Ein Versprechen, dass wir Sorge tragen zu dem, was frühere Generationen aufgebaut
haben.
Ein Versprechen, dass wir offen sind für Menschen, die Teil unserer Gemeinschaft
werden wollen.
Ein Versprechen, dass wir den Mut haben, Neues entstehen zu lassen.
Und ein Versprechen, dass wir unseren Kindern und Enkelkindern nicht einfach schöne
Dörfer hinterlassen.
Sondern lebendige Dörfer.
Dörfer, in denen man sich kennt.
Sich grüsst.
Sich hilft.
Und sich zuhause fühlt.
Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mich heute nach Leibstadt geholt haben.
Es war mir eine grosse Ehre, am Nationalfeiertag Ihr Gast sein zu dürfen.
Ich habe Leibstadt in den vergangenen Wochen besser kennengelernt.
Und ich verspreche Ihnen:
Ich werde Ihr Dorf künftig mit anderen Augen sehen.
Mit Augen, die nicht zuerst das sehen, was fehlt.
Sondern das, was da ist.
Den Zusammenhalt.
Das Engagement.
Die Herzlichkeit.
Und den Willen, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen.
Nun freue ich mich aber darauf, mit Ihnen auf unseren Nationalfeiertag anzustossen, mit
Ihnen ins Gespräch zu kommen und die tolle Gemeinschaft von Leibstadt richtig zu
erleben.
Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien einen schönen Bundesfeiertag.
Und unserer Schweiz alles Gute.
Herzlichen Dank für’s zuhören.

Rednerin

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