1. August Rede von Markus Dieth in Zetzwil
1. August 2026
„Machet den Zaun nit zuweyt“ – oder: Die Schweiz lebt von Nachbarschaften
Liebe Zetzwilerinnen und Zetzwiler
liebe Nachbarinnen und Nachbarn
geschätzte Festgemeinde
Ich freue mich sehr, heute am 1. August bei Ihnen in Zetzwil zu sein. Ja, wir haben allen Grund, heute ausgiebig zu feiern. Schauen wir in diese festliche Runde und auf das, was Sie da gemeinsam auf die Beine gestellt haben – dann wird sofort klar: Sie halten zusammen und leben gerne zusammen.
Zetzwil – oder wie man im Tal so schön sagt: Zetzbu – ist ein Ort, an dem man sich noch kennt und schätzt – erst recht am Geburtstag unserer Schweiz.
Den 1. August kann man im kleinen Kreis mit der Familie feiern, mit Freunden, oder man kann sich natürlich auch ganz gemütlich mit den Nachbarn bei Cervelat und Bier zusammensetzen. Oder man macht es wie wir heute Abend: einfach mit allen zusammen! Ich bin heute nicht nur als Regierungsrat des Kantons Aargau hier, sondern auch als Ihr Nachbar. Nachbarschaft ist nicht nur eine Frage von Kilometern. Sonst wären Zetzwil und meine Heimatgemeinde Wettingen keine Nachbarn. Aber in einem Kanton und in einem Land, das vom Miteinander lebt, wird Nachbarschaft auch durch Verbundenheit definiert.
Nachbarn hat man – machen wir das Beste draus!
Das Fundament unseres Landes, das Fundament des Zusammenlebens im Kanton, im Dorf und im Quartier, das ist eine gute Nachbarschaft.
Man sagt ja im Volksmund, dass man sich im Leben vieles aussuchen kann – aber weder die eigenen Verwandten noch die Nachbarn. Und wissen Sie was? Das ist eigentlich eine wunderbare Fügung. Es hat etwas ungemein Befreiendes. Ich muss nicht stundenlang im Internet surfen, um etwas Besseres zu finden. Denn wenn ich weiss, dass ich meinen Nachbarn beim besten Willen nicht ändern kann, dann muss es mich auch gar nicht erst fuchsen, dass er vielleicht anders denkt oder gewisse Dinge anders anpackt als ich. Er ist, wie er ist. Machen wir also einfach das Beste daraus!
Bei den einen Nachbarn ist das Beste vielleicht nur ein höfliches „Guete Morge“ und ein „schöne Tag“. Bei den anderen sind es die kleinen, unbezahlbaren Aufmerksamkeiten des Alltags: wenn man ein Auge auf die Kinder wirft, im Sommer die Blumen giesst oder während der Ferien die Post leert.
In der Summe ist dieses „das Beste daraus machen“ unglaublich viel wert und – man kann immer aus allem etwas Gutes machen: Eine gute Nachbarschaft gibt Halt und schafft Heimat. Es ist doch kein Zufall, dass so viele junge Menschen, die in einem solchen Quartier aufgewachsen sind, später als Erwachsene genau hierher zurückkehren und wieder Wurzeln schlagen wollen. Und es ist genau diese vertraute Umgebung, diese liebgewonnene Nachbarschaft, die es unseren älteren Mitmenschen ermöglicht, bis ins hohe Alter selbstständig, sicher und geborgen in den eigenen vier Wänden zu leben. Weil man eben weiss, dass da jemand ist, der hinschaut und hilft.
Von der Wöschchuchi zur lebendigen Demokratie
In unserem Land war man schon immer gezwungen, miteinander zu reden und Kompromisse zu finden. Die Kleinräumigkeit, das raue Leben in den Alpentälern, die Naturgewalten und die exponierte Lage im Herzen unseres Kontinents Europa haben uns von jeher geprägt. Aus diesem permanenten Zwang zum Gespräch ist über die Jahrhunderte etwas Einzigartiges entstanden: unsere schweizerische Demokratie.
Ein wunderbares, moderneres Beispiel für diesen alltäglichen Verhandlungszwang kennt fast jeder von uns – das ultimative Glanzstück der nachbarschaftlichen Diplomatie in der Schweiz: die Wöschchuchi! Wer da den Waschplan nicht einhielt oder die Fusseln nicht entfernte, löste im ganzen Haus eine mittelschwere Staatskrise aus. In der Waschküche wurde also gewissermassen das diplomatische Fingerspitzengefühl erfunden, das uns Schweizerinnen und Schweizern heute auf dem internationalen Parkett zugeschrieben wird. Ich bin mir sicher: Viele Staatschefs auf dieser Welt können zwar hervorragend schmutzige Wäsche waschen, aber leider verstehen es viele nicht, die Wäsche am Ende auch wieder sauber zu kriegen – wohl weil sie noch nie eine gemeinsame Wöschchuchi geteilt haben!
Unsere Demokratie wurde nicht in den Amtsstuben der Städte erfunden. Sie ist von unten gewachsen, aus der täglichen Notwendigkeit des Zusammenlebens im Tal, im Dorf und am Hang oder in der Wöschchuchi. Wir haben das Miteinander-Auskommen nicht im Lehrbuch gelernt – wir haben es über Jahrhunderte hinweg perfektioniert. Weil wir mussten.
Das Schweizer Prinzip: Vom Kleinen ins Grosse
Dieses über Jahrhunderte erprobte Miteinander ist der eigentliche soziale Kitt unseres Landes. Es bewährt sich tagtäglich neu – am Gartenzaun im Kleinen genauso wie auf der grossen politischen Bühne. Seien wir ehrlich: Wir müssen unsere Nachbarn ja nicht alle innig lieben. Aber wir müssen ihnen mit Anstand begegnen und Probleme direkt am Tisch anpacken, statt die Faust im Sack zu machen.
Wie das im Kleinen hervorragend funktioniert, erleben wir hier tagtäglich. Ob im lebendigen Vereinsleben, beim gemeinsamen Anpacken im Dorf oder im engen, unkomplizierten Austausch mit den Nachbargemeinden hier im Wynental: Hier wird nicht übereinander geredet, sondern miteinander gehandelt. Aus dem täglichen Schwatz über den Zaun entsteht genau dieser echte Zusammenhalt.
Und das ist das faszinierende Prinzip der Schweiz. Unser Land ist im Grunde wie diese Rätselbilder, die Sie vielleicht noch aus der Kindheit kennen, bei denen man Punkte miteinander verbinden muss. Jeder Punkt steht für eine Familie, ein Quartier oder ein Dorf. Die eine Nachbarschaft verbindet sich mit der anderen, und so entsteht von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf und von Kanton zu Kanton ein grosses, zusammenhängendes Bild – sei das von Zetzwil nach Gontenschwil, quer durch den gesamten Aargau bis an die Landesgrenze. Und dieses riesige Netz, unsere Schweiz, hält als Ganzes nur aus einem einzigen Grund: Weil die Verbindungen im Kleinen stark sind. Weil wir am Gartenhag noch miteinander reden und einander zuhören. Und auch mal, genau wie heute Abend, friedlich und grenzüberschreitend zusammen an einem Tisch sitzen.
Über den Gartenzaun hinaus denken
Grenzen sind uns Schweizerinnen und Schweizern wichtig. Wir setzen gerne Grenzen: Gemeindegrenzen, Sprachgrenzen, Belastungsgrenzen, Obergrenzen. Die Spassgrenze ist meist dann erreicht, wenn die eigene Grundstücksgrenze nicht respektiert wird.
Gute Nachbarschaft funktioniert nur da, wo man die Grenzen des anderen respektiert. Viele von uns haben dazu den Rat unseres Landespatrons Niklaus von der Flüe im Ohr: „Machet den Zaun nit zuweyt!“ Er mahnte die expansionslustigen Eidgenossen, sich nicht zu übernehmen und den inneren Zusammenhalt nicht zu gefährden. Erfolgreich, bis heute. Ich bin überzeugt: Bruder Klaus meinte keine Abschottung. Wenn er vom Zaun sprach, meinte er vielleicht nicht nur dessen Länge, sondern auch dessen Höhe: „Baut den Zaun nicht so hoch, dass ihr euer Gegenüber nicht mehr seht!“ Kapselt euch nicht ab, schafft zusammen! Das ist der noch wichtigere Teil des Schweizer Erfolgsrezepts: Zäme – mit Anstand und Respekt!
Blick über den Hag
Wer den Zaun zu hoch baut, sieht den Nachbarn nicht mehr – und verliert den Blick für das Ganze. Genau dieses Ganze, ein gemeinsames Zielbild, brauchen wir in der Schweiz in diesen stürmischen Zeiten dringender denn je. Wenn sich die Welt rasant verändert, dürfen wir uns nicht hinter blickdichten Mauern verschanzen und hoffen, dass die Probleme an uns vorbeiziehen. Wir müssen den Kopf über den Hag heben!
Wir müssen zusammen reden, unsere Perspektiven austauschen und zusammen festlegen, welchen Weg wir als Gemeinde, als Kanton und als Land einschlagen wollen. Nur so wird aus politischem Lärm wieder echtes, gemeinsames Handeln. Denn eine lebendige Nachbarschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man nicht übereinander redet, sondern gemeinsame Projekte anpackt! Ob das die Weiterentwicklung hier im Dorf ist, die Energiezukunft im Aargau oder die Sicherung von stabilen Handelsbeziehungen für unsere Wirtschaft: Das alles sind im Grunde nachbarschaftliche Gemeinschaftswerke. Und nutzen wir das Glück, dass wir in einer Nachbarschaft mit gleichen Werten leben.
Zusammenhalt fällt nicht einfach vom Himmel. Er entsteht durch Zuhören, gemeinsames Handeln und Verhandeln. Und dadurch, dass man sich am nächsten Tag – trotz anderer Meinung – wieder anständig grüssen kann. Dieses Verhalten macht die Schweiz, es macht den Aargau und Ihr Dorf zu einem lebenswerten Ort für Alt und Jung.
Lassen wir also den Zaun unserer Schweiz da, wo er hingehört: Als Landesgrenze der uns Sicherheit, Halt und Identität gibt. Aber bauen wir ihn nicht zu hoch! Sorgen wir dafür, dass unser Zaun keine blickdichte Mauer wird, sondern der Ort, an dem wir uns treffen, einander zuhören und die Probleme zusammen anpacken.
Das Glück unserer Nachbarschaft
Zäme – mit Anstand und Respekt. Genau dieses Prinzip gilt auch, wenn wir über unseren eigenen Gartenzaun hinausblicken. Die Schweiz muss nicht gleich überall beitreten. Aber wir teilen uns nun einmal einen gemeinsamen Zaun auf unserem Kontinent.
Schauen wir heute, am 1. August, einmal ganz bewusst über diesen Zaun: Was für ein unschätzbares Glück wir eigentlich haben! Keine tyrannischen Vögte, kein Gesslerhut auf der Stange – wir sind umgeben von friedlichen Nachbarn, die unsere fundamentalsten Werte teilen: Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und die Würde des Menschen. In einer Welt, die geopolitisch immer stärker aus den Fugen gerät, ist diese Nachbarschaft aus Gleichgesinnten keine Selbstverständlichkeit. Sie ist ein grossartiges Privileg.
Ja, mit unseren Nachbarn müssen und wollen wir zusammenarbeiten, wir teilen uns schliesslich unseren gemeinsamen Kontinent. Das wird uns besonders bewusst, wenn es um Bedrohungsfragen und unsere Sicherheit geht. Aber auch bei der Energieversorgung oder dem Erhalt unseres Wohlstands gilt: Die grossen Herausforderungen meistern wir nur zusammen. Genau dieselbe Dynamik sehen wir im Kleinen: Auch unsere Kantone und Gemeinden arbeiten täglich Hand in Hand. Da gibt es einen ständigen Austausch von guten Ideen und von guter Zusammenarbeit und Nachbarschaftshilfen über den Gartenhag hinaus. Diese Vielfalt macht unser Land, unsere Kantone aus. Und gerade unser Kanton Aargau ist mit seiner unglaublichen Vielfalt ein Paradebeispiel dafür. Lassen wir den Gemeinden die Möglichkeit und den nötigen Freiraum, ihre eigene Identität zu leben und zu pflegen. So dass sie ein starkes Element in dieser Vielfalt bleiben und so auch zur Einheit im Aargau beitragen können; und zu gegenseitigem Verständnis und Solidarität in der Schweiz. Unser Staat, unsere Schweiz, baut von unten nach oben. Dafür brauchen wir engagierte Menschen. Und diese Menschen leben nicht in einem „abstrakten“ Bund, sie leben hier in den Kantonen und mitten in unseren Gemeinden und Nachbarschaften.
„Machet den Zaun nit zuweyt“ – so mahnte einst Bruder Klaus. Ich füge heute hinzu: Aber halten wir ihn offen für eine gute Nachbarschaft. Ein echter Nachbar kann man nur sein, wenn man eigenständig ist. Eigenständig bedeutet aber nicht, abgetrennt und eigenbrötlerisch zu leben. Eigenständig ist die Voraussetzung für eine starke, echte Verbundenheit auf Augenhöhe.
In diesem Sinne danke ich Ihnen von Herzen für Ihr grosses Engagement als Nachbarin und Nachbar – hier bei uns, im Aargau und in unserer Schweiz. Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen und gemütlichen 1. August!
Auf die gute Nachbarschaft – auf unsere Eidgenossenschaft, auf unsere Schweiz!
Vielen Dank.
