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1. August Rede von Andreas Meier in Würenlos

3. August 2026

Geschätzter Herr Gemeindeammann – Geschätzte Mitglieder des Gemeinderates
Liebe Würenloserinnen und Würenloser. Geschätzte Damen und Herren, liebe Kinder.

Es freut mich sehr, heute Abend mit Ihnen den 1.August zu feiern. Dass Sie dafür einen Würenlinger eingeladen haben, freut mich besonders.

Würenlos und Würenlingen sind Grenzgemeinden des Bezirks Baden. Das Verbindende von diesen beiden Gemeinden ist, dass wir ähnlich tönen und darum oft verwechselt werden. Vorne – Würen – sind wir gleich, nur von hinten sind wir anders: los oder lingen.

Es gibt auf unserem Weingut immer wieder Gäste, die uns hier in Würenlos suchen. Wenn sie anrufen, weil sie uns nicht finden, dann fragen wir zuerst – sehen Sie Kirche? Hat sie einen hohen Spitz, oder einen Doppelzwiebelhelm? Wenn sie dann sagen, der Kirchturm habe so eine Art umgekehrten Kübel, dann ist es für uns klar. Die Gäste werden später eintreffen, weil sie uns in Würenlos suchten.

Ich hoffe für die Sicherheit von Würenlos, dass Leute mit radioaktivem Abfall hier das ZWILAG nicht suchen, das wäre dann in Würenlingen, genauso wie das PSI oder der grosse Fasnachtsumzug. Dafür steht der berühmte Fressbalken hier.

Einmal stand eine Lehrerin mit ihrer Klasse in Würenlingen und suchte das Emma-Kunz-Zentrum. Sie hat ziemlich die Augen verdreht, als ich ihr sagte, dies sei in Würenlos.

Verwechseln kann man nicht nur Ortsnamen – auch unser Land wird manchmal verwechselt. Donald Trump verwechselt die Schweiz immer wieder mit Schweden. Und an einem Spiel der Hockey Champions-League wurde statt der Schweizer die Schwedische Nationalhymne gespielt. Der Text mit dem Morgenrot hat zwar nicht gepasst, aber die Spieler haben trotzdem brav die Lippen bewegt.

Aber genug der Verwechslungen.

Was macht die Schweiz heute unverwechselbar? Was ist es, das unser Land und seine Menschen im Innersten zusammenhält?

Vielleicht beschreibt das «vorne gleich und hinten anders» – wie Würenlos und Würenlingen – die Schweiz besser, als es zunächst scheint.

Vordergründig scheint die Antwort auf die Frage nach dem Unverwechselbaren einfach – die Alpen, die Seen, die vier Landessprachen oder die direkte Demokratie. Natürlich auch Jodeln, Schwingen, Steinstossen und das Sackmesser mit Zapfenzieher. Das gehört alles zur Schweiz – ebenso die Schokolade, Federer, Odermatt, d‘ W. Nuss vo Bümpliz und de DJ Bobo. Aber erklärt das unser Land?

Ich bin nicht sicher. Berge gibt es auch anderswo. Mehrsprachige Staaten ebenfalls. Und Volksabstimmungen allein schaffen noch keine politische Kultur.

Die eigentliche Identität unserer Nation finden wir im Hintergründigen. Sie ist das Ergebnis eines langen Willens, trotz aller Unterschiede zusammenzubleiben.

Der Historiker Damir Skenderovic schreibt, die Schweiz werde «von einem feinen Netz verschiedener Faktoren zusammengehalten». Er nennt fünf davon: Mythen, Bürokratie, Alltagskultur, wirtschaftlichen Erfolg – und schliesslich die Anderen.

Mythen gehören dazu. Manche stimmen: Wir schätzen Pünktlichkeit und Sauberkeit und stellen hochwertige Produkte her. Andere sind eher Legenden. Wir waren nie alle Bergbauern oder stolze Helvetier, und auch früher hatte sich die Schweiz keineswegs von der Welt abgeschottet. Wichtig ist darum, dass Mythen Identität stiften – aber nicht politisch missbraucht werden.

Dann die Bürokratie. Die grössten nie besungenen Helden der Schweiz heissen Herr Knüsi und Frau Hungerbühler. Beide sind frei erfunden, beide dienen in der Verwaltung und beide sorgen dafür, dass dieses Land jeden Tag funktioniert. Unsere Willensnation ist eben auch eine Büro- und Gewohnheitsnation.

Als Drittes nennt Skenderovic die «Performance-Kunst», damit meint er unsere Alltagskultur. Die Schweiz ist nicht nur ein Staat, was uns ausmacht ist, was wir täglich leben: Grüezi sagen, beim Besuch die Schuhe ausziehen, Fondue im 8 rühren und das Zuckersäckli in das leere Kafferahmbecherli stecken.

Dann der wirtschaftliche Erfolg. Die Schweiz ist eine Marke. Mit einem Schweizerkreuz verkauft es sich besser – sogar dann, wenn, wie bei der bekannten Schuhmarke, Löcher in den Sohlen sind. Da wundert es nicht, dass wir gesetzlich festlegen, wie viel Schweiz in einem Produkt stecken muss, bevor «Swiss Made» draufstehen darf.

Und schliesslich «die Anderen». Viele Nationalstaaten definieren sich vor allem über die Abgrenzung nach aussen. Die Schweiz dagegen definiert sich erstaunlich stark nach innen – über den Willen, trotz aller Unterschiede zusammenzugehören.

Ich komme von ein paar Ferientagen im Ausland zurück – gerade rechtzeitig, um die Fähnli in den Garten zu stecken und diese Rede vorzubereiten.

Wir reisten in den Norden. Dabei bot sich die Gelegenheit, das historische Rathaus von Münster in Westfalen zu besuchen. Dort wurde 1648, – nach verheerenden dreissig Jahren Krieg, Verwüstung und religiösem Hass, der Westfälische Friede geschlossen – jener Friedensschluss, mit dem die Eidgenossenschaft das erste Mal ausdrücklich als unabhängiger Staat anerkannt wurde.

Der Westfälische Friede erinnert uns: Frieden entsteht nicht, wenn alle immer gleicher Meinung sind. Frieden entsteht, wenn Menschen lernen, trotz ihrer Unterschiede zusammenzustehen.

In Münster wurde der Frieden verhandelt und unterschrieben. In Würenlos wurde er gelebt.
Vom grossen Flächenbrand des Dreissigjährigen Krieges blieb die Eidgenossenschaft weitgehend verschont. Doch religiöse Gegensätze gab es auch hier. Katholiken und Reformierte teilten in Würenlos über Jahrhunderte dieselbe Kirche. Das war gewiss nicht immer einfach. Aber sie fanden immer wieder einen Weg, miteinander auszukommen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis unseres Landes:
Zusammenhalt bedeutet nicht, gleich zu sein, sondern trotz Unterschieden zusammenzubleiben.

Heute ist das Leben komplexer, schneller und unübersichtlicher. Digitalisierung und künstliche Intelligenz, geopolitische Spannungen, Migration und der demografische Wandel stellen vieles infrage, was lange selbstverständlich schien. Gleichzeitig scheint die Geduld füreinander kleiner geworden zu sein.

Ferien sind auch Gelegenheit zum Lesen. Unter anderem las ich das Buch von Staatsrechtler René Rhinow:  «Plädoyer für eine offene Schweiz». Darin hat der Autor knapp und eigentlich banal formuliert: «Eine Willensnation braucht den Willen zur Nation.» Die Schweiz ist nicht einfach da. Sie muss von jeder Generation neu gewollt, mitgetragen und weiterentwickelt werden.

Eine Willensnation entsteht eben nicht im Bundeshaus. Sie entsteht in Gemeinden wie Würenlos – oder meinetwegen auch Würenlingen. Hier lernen wir, trotz unterschiedlicher Überzeugungen Verantwortung füreinander zu übernehmen. Und uns auch nach einer Abstimmung wieder in die Augen zu schauen.

Rhinow wünschte sich eine mutige, dialogfähige und solidarische Schweiz in einem integrierten Europa. Mutig genug, sich den Veränderungen zu stellen; dialogfähig genug, unterschiedliche Ansichten auszuhalten; und solidarisch genug, den Zusammenhalt nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Schweiz kennt keine dauerhafte Mehrheit, die alles bestimmt. Sprachgruppen, Konfessionen, Kantone, Regionen und Überzeugungen wechseln je nach Frage ihre Rollen. Deshalb schrieb Rhinow: «Wir sind ein Volk von Minderheiten.»

Das setzt allerdings etwas Entscheidendes voraus: Vertrauen.

Ein Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen: Vielleicht sind wir Menschen besser, als wir glauben. Nicht Misstrauen und Egoismus haben den Fortschritt ermöglicht, sondern Vertrauen und Zusammenarbeit. Rutger Bregman beschreibt das in seinem Buch «Im Grunde gut». Es ist ein Gedanke, der Mut macht. Denn eine menschliche, gerechte und ökologische Welt beginnt mit der Erkenntnis: Wir sind besser, als wir denken.

Ich glaube, wir unterschätzen uns manchmal. Wir reden oft über das, was nicht funktioniert. Über Polarisierung, Bürokratie oder den Reformstau. Doch wenn es wirklich darauf ankommt, wächst dieses Land über sich hinaus. Nicht weil wir besser wären. Sondern weil wir gelernt haben, Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Und ich vertraue darauf: Wir wären tapfer wie Ukrainerinnen und Ukrainer, wenn wir angegriffen würden, und wir hätten die Unbeugsamkeit jenes Londoner Geschäftsmanns, der nach der Bombardierung seines Geschäfts im 2. Weltkrieg sein Türschild «We are open» umschrieb, durch «We are more open than usual».

Denn Freiheit lebt nicht zuerst von Mauern oder Armeen. Sie lebt davon, dass Menschen bereit sind, füreinander einzustehen.

Vorne sind wir oft gleich. Hinten sind wir verschieden. Entscheidend ist, dass wir trotz unserer Unterschiede zusammenbleiben.

Die Schweiz ist nicht fertig. Sie wird jeden Tag neu gebaut. In Familien, Vereinen, Unternehmen und Parlamenten. Überall, wo Menschen Verantwortung übernehmen.

😊 Der 1. August ist für viele von uns verbunden mit der Schweizer Fahne, mit einem gemütlichen Beisammensein – und hier in Würenlos hoffentlich auch mit einem guten Glas Wein.

Es gibt dazu eine schöne Anekdote. Den Erfindern der Schweizer Fahne war schnell klar, dass sie etwas Positives tragen sollte – ein Kreuz. Über die Farben soll länger diskutiert worden sein. Bis plötzlich jemand rief: «Es gibt Apéro – es hat Roten und Weissen!»

Rot und weiss sind auch die Farben dieser Rebbaugemeinde. Der Jahrgang 2026 verspricht ein früher und kräftiger Weinjahrgang zu werden.

Ich wünsche unserem Land, dass wir das Richtige bewahren, das Notwendige verändern und nie den Willen verlieren, gemeinsam Schweiz zu sein.

Zum Wohl, liebe Würenloserinnen und Würenloser, und einen frohen 1. August!

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